Bernd Hüttner, ein RLS-Kollege aus Bremen, hat sich in einer Rezension dem neu erschienenen Buch „second hand spaces – über das Recyceln von Orten im städtischen Wandel“ (eine Leseprobe ist auch hier zu  finden) und der nicht immer ganz einfachen Frage der Zwischennutzung von Räumen gewidmet:

 

Zwischennnutzung im städtischen Raum – Protest und Modernisierung

Was soll mit den Brachen und den baulichen Ruinen des Dienstleistungs- und des Industriefordismus geschehen? Eine Antwort, die in den letzten Jahren zwar vermehrt, aber immer noch vereinzelt gegeben wird, lautet „temporäre“ oder „Zwischennnutzung“: Immer wieder entstehen Zwischenzeiten in Immobilien: Die vorherige Nutzung ist abgeschlossen, eine neue lässt auf sich warten. Doch diese Problemlage kann eine Chance bedeuten, wenn Leerstände und Brachflächen als Möglichkeitsräume begriffen und ZwischennutzerInnen zur Verfügung gestellt werden. Zwischennutzungen aktivieren Leerstände und Brachflächen nach dem Prinzip „vergünstigter Raum gegen befristete Nutzung“ und schaffen so ideale Bedingungen für kleine Unternehmen, Initiativen und Vereine. Nicht selten entstehen dadurch aus Zwischennutzungen langfristige Mietverhältnisse und aus ZwischennutzerInnen werden feste MieterInnen.

Das vierköfige Team der in Bremen angesiedelten ZwischenZeitZentrale will mit ihrem Buch hinter die Kulissen, auf die Akteur_innen und die Wirkungen von second hand spaces blicken. Die Herausgeber_innen und auch etliche Beiträge benutzen den Begriff „second hand spaces“ (oder auch: „Nutzung vakanter Räume“) um sich für einen erweiterten, wenn nicht neuen, Begriff von Zwischennnutzung stark zu machen. Fokussiert Zwischennnutzung unwillkürlich auf die zeitliche Befristung des ganzen Unterfangens, so weitet „second hand spaces“ den Blick und macht Aspekte von Interaktion und Partizipation stark: „zwischen“ also verstanden als Brücke und als Kooperation zwischen verschiedenen Ebenen und Menschen.

Das Buch enthält neun Artikel, je drei zu Rahmenbedinungen, Akteur_innen und Wirkungen von „second hand spaces“. Dazwischen werden jeweils fünf konkrete Beispiele vorgestellt, unter anderem aus Basel, Berlin, Bremen, Frankfurt, Freiburg und Hamburg. Hier kommen bekannte und weniger bekannte Beispiele ins Bild: Prinzessinengärten, tentstation und RAW aus Berlin oder das Frappant und das Gängeviertel in Hamburg – aber auch Brachen in Bremen oder eine Wagenburg in Freiburg.

Einige Beiträge, vor allem die aus der prekären Zwischennutzungsszenerie selbst, fragen nach den Spaltungen innerhalb von Zwischennutzungen und nach den Ambivalenzen diesbezüglicher Forderungen. Ist die Nutzung von second hand spaces nun eine Wiederaneignung der Gemeingüter (Commons) und damit des gesellschaftlich produzierten Reichtums oder doch nur „Leben“ vom aktuell Übrigseienden und Unbenötigten und damit das Begnügen mit dem Rest und seiner kreativen Verwertung? Der Hamburger Historiker Arndt Neumann etwa fragt deutlich danach, wer die durch temporäre Nutzungen erzeugten Aufwertungsprofite schlussendlich bekommt.

Durch das Buch wird eine Utopie deutlich, was Stadt auch sein könnte, nämlich ein Raum, der tagtäglich durch seine Nutzer_innen neu produziert wird. Es zeigt aber auch, dass eine Nutzung vakanter Räume ohne ein Bündnis mit aufgeschlossenen Segmenten der Verwaltung und womöglich der Immobilienwirtschaft nur schwer möglich ist. Die Verwaltung wiederum braucht den politischen Druck, der durch soziale Proteste und Bewegungen erst entsteht: Die altbekannte Mehrdeutigkeit von Protest und Modernisierung, von Revolte und Rekuperation also.

Bernd Hüttner

Oliver Hasemann, Michael Ziehl, Sarah Oßwald,, Daniel Schnier (Hg.): second hand spaces – über das Recyceln von Orten im städtischen Wandel DEUTSCH/ENGLISCH, 464 Seiten, mit ca. 350 Abbildungen, Broschur, Euro 29.95, ISBN 978-3-86859-155-2, Jovis Verlag, Berlin 2012

Diese Rezension erscheint auch in derive, der Zeitschrift für Stadtforschung (Wien).

Die Initiative, die sich in Bremen der Nutzung vakanter Räume widmet, ist wie gesagt, die ZwischenZeitzentrale (Link: www.zzz-bremen.de).

Eine Lesung und Buchvorstellung findet am Mittwoch, 24.10. 2012, 20:00 Uhr in der Abfertigung, Hansator 1, 28217 Bremen www.abfertigung.de statt. Gäste sind u.a. die HerausgeberInnen und Marius Bruns (Teamleiter Grafik des Buches).